150 Visitenkarten und keine Aufträge: War Ihre Messe in Japan trotzdem ein Erfolg?
Für viele europäische Unternehmen ist die Teilnahmer an einer Messe in Japan mit hohen Erwartungen verbunden.
Der Messestand ist fertig. Die Präsentation ist vorbereitet. Das Team ist nach Tokio, Osaka oder Fukuoka gereist – mit einem klaren Ziel vor Augen: neue Geschäftspartner zu finden, Kontakte zu knüpfen und sich den japanischen Markt zu erschließen.
Die Gespräche laufen gut. Die Besucher sind höflich, aufmerksam und interessiert. Sie stellen detaillierte Fragen, nehmen Broschüren mit, tauschen Visitenkarten aus und sagen manchmal sogar:
„Sehr interessant. Wir melden uns bei Ihnen.“
Und doch liegt auch einige Wochen später noch kein Auftrag vor. Keine konkrete Angebotsanfrage. Keine klare Entscheidung. Manchmal nicht einmal eine direkte Antwort.
War die Messe ein Misserfolg?
Nicht unbedingt.
In Japan wird der Erfolg einer Messe oft anders gemessen als in Europa. Ein Gespräch am Messestand ist selten der letzte Schritt vor einer Kaufentscheidung. Häufiger ist es der Beginn eines viel längeren Prozesses: Informationsbeschaffung, interne Beratungen, Vertrauensaufbau und sorgfältige Bewertung.
Das Verständnis dieses Unterschieds kann die Art und Weise, wie Unternehmen sich auf Messen in Japan vorbereiten, diese interpretieren und im Anschluss daran weiterverfolgen, grundlegend verändern.
Die europäische Erwartung: Gute Gespräche, schneller nächster Schritt
Viele europäische Aussteller gehen Messen mit einer relativ geradlinigen Logik an. Ein Besucher kommt zum Stand. Es besteht Interesse. Das Produkt scheint relevant zu sein. Das Gespräch verläuft positiv. Im Idealfall folgt schnell einAngebot, ein Fachgespräch, eine Verhandlung oder sogar eine konkrete Geschäftsmöglichkeit.
Diese Logik ist nicht falsch. Sie entspricht lediglich nicht immer der Art und Weise, wie japanische Unternehmen Messen nutzen.
Auf japanischen Messen kommen viele Besucher nicht, um sofort etwas zu kaufen. Sie kommen, um zu beobachten, zu vergleichen, Informationen zu sammeln und potenzielle Partner zu finden. Ein freundliches und ausführliches Gespräch kann zwar ein sehr gutes Zeichen sein, bedeutet aber nicht automatisch, dass der Besucher bereit ist, eine Entscheidung zu treffen.
Genau hier entstehen oft Missverständnisse.
Europäische Aussteller denken vielleicht: „Die waren doch interessiert. Warum passiert denn nichts?“
Japanische Besucher könnten denken:„Dieses Unternehmen sieht interessant aus. Wir sollten weitere Informationen einholen und das intern besprechen.“
Beide Seiten können aus demselben Gespräch mit völlig unterschiedlichen Erwartungen hervorgehen.
Japanische Besucher suchen oft nach Vertrauen, nicht nur nach Produkten
In Europa dreht sich bei Gesprächen auf Messen oft alles um das Produkt. Was kann es? Wie viel kostet es? Wann kann es geliefert werden? Wie lauten die technischen Daten?
Auch in Japan spielen diese Fragen eine Rolle. Sie sind jedoch nur ein Teil einer viel umfassenderen Bewertung. Japanische Geschäftsreisende möchten oft nicht nur wissen, was Sie anbieten, sondern auch, wer Sie als Unternehmen sind.
Sie könnten beispielsweise folgende Fragen stellen:
- Seit wann gibt es Ihr Unternehmen?
- Wer sind Ihre Referenzkunden?
- Arbeiten Sie bereits mit japanischen Kunden zusammen?
- Wie stabil ist Ihre Lieferkette?
- Wer wäre unser langfristiger Ansprechpartner?
- Verfügen Sie über Zertifizierungen oder Qualitätsstandards?
Für viele europäische Aussteller mögen diese Fragen zweitrangig erscheinen. Für japanische Unternehmen stehen sie jedoch oft im Mittelpunkt. Sie tragen dazu bei, Risiken zu minimieren und einzuschätzen, ob ein Unternehmen ein zuverlässiger langfristiger Partner werden könnte.
Mit anderen Worten: Japanische Besucher bewerten nicht nur Ihr Produkt. Sie beurteilen auch Ihre Glaubwürdigkeit, Ihre Stabilität und Ihre Fähigkeit, eine langfristige Beziehung zu pflegen.
Die Person am Stand ist möglicherweise nicht der Entscheidungsträger
Ein weiteres häufiges Missverständnis betrifft die Rolle der Person, die einem gegenübersteht. Viele europäische Aussteller hoffen, auf der Messe den „echten Entscheidungsträger“ zu treffen. Wenn sie hauptsächlich mit Ingenieuren, Einkäufern, Assistenten oder Projektmitarbeitern sprechen, gehen sie möglicherweise davon aus, dass das Gespräch weniger wichtig ist.
In Japan kann diese Annahme irreführend sein. Die Person an Ihrem Stand trifft möglicherweise nicht die endgültige Entscheidung. Sie kann jedoch zu einem wichtigen internen Vermittler werden. Sie kann Informationen sammeln, einen Bericht erstellen, Kollegen informieren, Ihr Unternehmen als Option ins Spiel bringen und die interne Diskussion beeinflussen. Das bedeutet, dass jedes Gespräch zählt.
Ein technischer Experte, der detaillierte Fragen stellt, könnte später derjenige sein, der Ihr Produkt intern vorstellt. Ein Einkäufer, der Ihre Broschüre mitnimmt, vergleicht diese möglicherweise mit denen der Konkurrenz. Ein Projektmitarbeiter, der am Stand eher zurückhaltend wirkt, verfasst möglicherweise die erste interne Zusammenfassung über Ihr Unternehmen.
In Japan werden Entscheidungen häufig gemeinsam vorbereitet und abgestimmt. . Der Eindruck, den Sie bei jedem Besucher hinterlassen, kann innerhalb des Unternehmens weiter reichen, als Ihnen bewusst ist.
Was passiert intern nach der Messe?
Nach einem vielversprechenden Gespräch auf einer Messe warten europäische Aussteller oft auf ein externes Signal: eine E-Mail, eine Anfrage, eine Einladung zu einem Treffen.
In japanischen Unternehmen hingegen findet ein Großteil der wichtigen Arbeit möglicherweise intern und für Außenstehende unsichtbar statt.
Ein typischer Ablauf könnte wie folgt aussehen:
- Zunächst sammelt der Besucher auf der Messe Informationen und verschafft sich einen ersten Eindruck von Ihrem Unternehmen.
- Anschließend werden diese Informationen intern weitergegeben. Dabei können mehrere Abteilungen einbezogen werden, insbesondere wenn das Produkt Auswirkungen auf die Qualität, die Beschaffung, die Technik, die Logistik oder den langfristigen Betrieb hat.
- Anschließend beginnt ein Prozess der informellen Abstimmung. In der japanischen Unternehmenskultur steht dies oft im Zusammenhang mit „Nemawashi“: der sorgfältigen Herbeiführung eines Konsenses, bevor eine formelle Entscheidung getroffen wird. Dabei werden Bedenken erörtert, die Beteiligten einbezogen und mögliche Risiken abgewogen.
- Wenn das Thema konkreter wird, kann es in einen formelleren Bewertungsprozess übergehen. Dabei können Produktqualität, Preis, Liefersicherheit, die Glaubwürdigkeit des Unternehmens und die strategische Eignung geprüft werden. In manchen Unternehmen kann die formelle Genehmigung ein „Ringi“-Verfahren beinhalten, bei dem ein Vorschlag zur Genehmigung durch verschiedene Ebenen der Organisation weitergeleitet wird.
- Erst wenn diese interne Abstimmung abgeschlossen ist, ergibt sich eine klare Entscheidung.
Von außen betrachtet kann dieser Prozess wie Schweigen wirken.
Doch Schweigen bedeutet nicht immer Desinteresse. Manchmal bedeutet es, dass Ihre Informationen diskutiert, geprüft und bewertet werden. (Weiterlesen: Nemawashi, Ringi und die endgültige Entscheidung in Japan)
„Wir melden uns bei Ihnen“ – Was bedeutet das eigentlich?
Einer der Sätze, die für europäische Aussteller am schwierigsten zu deuten sind, lautet: „Wir melden uns bei Ihnen.“
In manchen Fällen kann dies tatsächlich bedeuten, dass das Unternehmen plant, die Gespräche intern fortzusetzen. In anderen Fällen handelt es sich möglicherweise lediglich um eine höfliche Art, eine direkte Ablehnung zu vermeiden. Das Verständnis für indirekte Kommunikationsstile in Japan ist daher unerlässlich, wenn es darum geht, Reaktionen nach einer Messe zu interpretieren (auf YouTube ansehen: Das japanische „Nein“ – Indirekte Kommunikation in Japan verstehen) .
Wenn Sie einfach nur abwarten, könnten Sie aus der internen Diskussion herausfallen. Wenn Sie zu viel Druck ausüben, könnten Sie die Beziehung gefährden. Der richtige Ansatz liegt dazwischen: zeitnahe, persönliche, respektvolle und gut strukturierte Kommunikation.
- Eine gute erste Folge-E-Mail sollte in der Regel innerhalb von 24 bis 48 Stunden versendet werden. Sie sollte auf das eigentliche Gespräch Bezug nehmen, sich bei der Person für ihre Zeit bedanken und die versprochenen Informationen enthalten. Sie sollte nicht wie eine Standard-Verkaufs-E-Mail wirken.
- Anstatt beispielsweise eine allgemeine Produktbroschüre zu versenden, sollten Sie auf das Thema Bezug nehmen, das am Stand besprochen wurde:
- Vielen Dank für Ihren Besuch an unserem Stand und für Ihre Fragen zur Lieferstabilität für den japanischen Markt. Wie besprochen, sende ich Ihnen hiermit weitere Informationen zu unseren Qualitätsstandards und Referenzprojekten zu.
- Eine solche Nachverfolgung zeugt von Zuverlässigkeit und Liebe zum Detail. Beides ist in Japan von großer Bedeutung.
Die Vorbereitungen beginnen schon vor der Messe
Eine erfolgreiche Messeteilnahme in Japan beginnt nicht erst am ersten Morgen am Stand.
Es beginnt schon Wochen zuvor.
Unternehmen sollten relevante Ansprechpartner ermitteln, Meetings bis vier Wochen im Voraus vereinbaren, Unterlagen in japanischer Sprache oder zumindest mit japanischen Elementen vorbereiten und sicherstellen, dass Referenzen, Zertifikate und Unternehmensinformationen leicht zugänglich sind.
Bei japanischsprachigen Materialien geht es nicht nur um die Übersetzung. Sie signalisieren, dass Sie den Markt ernst nehmen. Perfektes Japanisch ist nicht immer erforderlich, aber sichtbare Bemühungen sind wichtig.
Das Gleiche gilt für Referenzen. Viele deutsche und europäische Unternehmen nutzen sie zu wenig. In Japan können Referenzen ein starkes Vertrauenssignal sein. Sie beantworten eine entscheidende Frage: „Wer vertraut diesem Unternehmen bereits?“
Vor allem, wenn Sie japanische Kunden, langjährige Kunden, Zertifizierungen oder aussagekräftige Referenzen aus der Branche haben, sollten Sie diese sorgfältig vorbereiten. Warten Sie nicht, bis jemand danach fragt.
Ihre Präsentation benötigt möglicherweise mehr Hintergrundinformationen, als Sie denken
Ein weiterer wichtiger Unterschied betrifft Präsentationen. In vielen europäischen Geschäftsumgebungen wird eine kurze und übersichtliche Präsentation geschätzt. Zehn Folien, klare Botschaft, starker Fokus.
In Japan reicht das möglicherweise nicht aus. Japanische Geschäftspartner erwarten oft mehr Kontext: technische Details, Hintergrundinformationen, Entwicklungsschritte, Erläuterungen zu Abläufen, Daten, Quellenangaben und zusätzliches Material. Eine Präsentation kann auch intern weitergegeben werden, ohne dass Sie anwesend sind, um sie zu erläutern.
Das bedeutet, dass Ihre Folien selbsterklärender sein sollten als sonst.
Eine gute Faustregel: Stellen Sie mehr Hintergrundinformationen bereit , als Sie es für ein europäisches Publikum tun würden. Ihre Präsentation muss nicht überladen sein, sollte es den Mitarbeitern des japanischen Unternehmens jedoch ermöglichen, Ihr Produkt, Ihr Unternehmen und Ihre Zuverlässigkeit zu verstehen, ohne sich dabei ausschließlich auf die Erinnerung eines einzelnen Messebesuchers verlassen zu müssen.
Die Messe ist der Anfang, nicht das Ende
Die vielleicht wichtigste Veränderung ist folgende: In Japan ist die Messe oft nicht der Moment, in dem Geschäfte abgeschlossen werden. Es ist vielmehr der Moment, in dem eine Beziehung beginnt.
Das verändert die Art und Weise, wie Erfolg gemessen werden sollte.
Eine erfolgreiche Messe in Japan führt vielleicht nicht sofort zu Aufträgen. Sie kann jedoch erstes Vertrauen schaffen , interne Aufmerksamkeit wecken , nützliche Kontakte knüpfen , technische Fragen aufwerfen, Anfragen für weitere Schritte auslösen und die ersten Schritte in Richtung einer längerfristigen Geschäftsbeziehung einleiten.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht nur: „Wie viele Leads haben wir generiert?“
Es ist außerdem:
- Welche Gespräche haben langfristiges Potenzial?
- Wer hat detaillierte Fragen gestellt?
- Wer hat um weitere Informationen gebeten?
- Welche Unternehmen sollten wir besonders genau im Auge behalten?
- Was müssen wir bereitstellen, um die interne Entscheidungsfindung zu unterstützen?
- Wie können wir im Hier und Jetzt bleiben, ohne Druck auszuüben?
Fazit:
Kein Feedback bedeutet nicht automatisch kein Interesse
Wenn Sie von einer japanischen Messe mit 150 Visitenkarten und ohne unmittelbaren Auftrag zurückkehren, sollten Sie das Ergebnis nicht vorschnell beurteilen.
Natürlich wird nicht jeder Kontakt zu einer Geschäftsmöglichkeit. Manche Besucher möchten sich vielleicht nur informieren. Manche Gespräche führen zu nichts.
In Japan bedeutet das Ausbleiben einer sofortigen Reaktion jedoch nicht automatisch ein Scheitern. Entscheidungen brauchen oft Zeit. Informationen werden intern weitergeleitet. Vertrauen wird Schritt für Schritt aufgebaut.
Erfolgreiche Unternehmen sind meist nicht diejenigen, die nach der Messe am stärksten nachfassen. Erfolgreich sind vielmehr diejenigen, die sich sorgfältig vorbereiten, zuverlässig kommunizieren, respektvoll nachfassen und verstehen, dass Geschäfte in Japan oft auf Geduld, Beständigkeit und Vertrauen beruhen.
Bei einer Messe in Japan geht es selten nur darum, ein Produkt zu verkaufen. Vielmehr geht es darum, zu zeigen, was für ein Partner man werden könnte.
Möchten Sie sich auf Ihre nächste Messe in Japan vorbereiten?
Derzeit entwickle ich ein weiteres E-Learning-Modul:
Big in Japan – Erfolgreich auf Messen in Japan
Basierend auf mehr als 20 Jahren Erfahrung in der Zusammenarbeit mit japanischen Unternehmen unterstützt dieses praxisorientierte Modul europäische Fach- und Führungskräfte dabei, sich gezielt auf Messen und Aktivitäten zur Geschäftsentwicklung in Japan vorzubereiten.
Das E-Learning-Modul wird in Kürze verfügbar sein.
Wenn Sie über den Start informiert werden oder sich unverbindlich auf die Warteliste setzen lassen möchten, können sie mir dies gerne per E-Mail mitteilen.
📧 ulrike.froehlich@understandingjapan.com

